
Till Kniola
Till Kniola (*1971) ist seit 2014 Referent für Popkultur und Filmkultur im Kulturamt der Stadt Köln. In dieser Eigenschaft ist er unter anderem zuständig für die Förderung von Festivals und Konzertreihen, Clubs, und Proberäumen und von Produktionen und Exportaktivitäten Kölner Künstler*innen und Labels. Seit 2019 verleiht die Stadt Köln den mit 15.000 € dotierten Holger Czukay Preis für Popmusik. Till Kniola ist außerdem als Kurator, DJ und Labelmacher im Bereich experimentelle Elektronik aktiv (aufabwegen.de). Glühender BVB-Fan. Motto: „Es hilft ja nichts!“
Interview
Warum sollten Menschen in Plattenläden gehen?
Wenn Menschen Musik lieben oder auf Musik neugierig sind, sollten sie ihre Tonträger im Plattenladen kaufen. Dort gibt es persönliche Empfehlungen, haptische Erfahrungen und direkte Kommunikation über Musik. Der Besuch in einem schönen Plattenladen ist eine Erfahrung, die Einblicke in den Kosmos der Popkultur gewährt. Das ist eine echte Tiefenbohrung und hat eine ganz andere inhaltliche Qualität als die algorithmische Hör- oder Kaufempfehlung online. Ein Plattenladen ist ein sozialer Ort an dem Auseinandersetzung über Popmusik in Echtzeit passiert. Im Idealfall ist der Kauf einer Kassette oder einer LP vor Ort nicht das Ende der Kommunikation sondern der Anfang eines Austausches, der in den Läden oft mit Gesprächen, mit Ausstellungen, mit In-Store-Gigs und DJ-Sets vorangetrieben wird. Um das erleben zu können, sollten Menschen in Plattenläden gehen. Sonst fehlt was beim Musikkauf.
Wie verbringst du am liebsten Zeit in Plattenläden?
Konzentriert und ohne Zeitdruck in einem Wechsel aus verbissener Recherche und freier Improvisation.
Was hast du in Plattenläden gelernt?
Sparten und Genres sind wichtig zur Orientierung und stellen ein gutes Gerüst dar, sie sollten aber durchlässig sein. Eine Haltung, die ich auch im „echten Job“ anwende. Gerade im Plattenladen und in seiner Gestaltung werden Ernsthaftigkeit und Leidenschaft direkt sicht- und erfahrbar. Ordnung ist nur das halbe Leben.
In welcher Abteilung eines Plattenladens bist du besonders häufig anzutreffen?
Wenn es ein Fach mit lokalen Artists und Labels gibt, bin ich zuerst immer da. Ich finde es spannend und wertvoll etwas über die Musikszenen vor Ort zu erfahren. Gute Plattenläden funktionieren als Präsentationsplattformen für die Szenen in einer Stadt und als Schatzkisten für Neugierige. Danach wechsle ich aufgrund persönlicher Vorlieben zum Fach „Industrial/Noise“, so denn vorhanden.
Was macht für Dich einen guten Plattenladen aus?
Eine gute Mischung aus Angebotsvielfalt und Spezialisierung. Wichtig finde ich, dass verschiedenartige Objekte vor Ort zu sehen sind, nicht nur die Platten in den Fächern, sondern auch Gig-Poster, Fachmagazine und -literatur, Sammlerstücke, Objekte und auch gerne die eine limitierte japanische CD-R, die die Künstlerin persönlich vor Jahren als Kommissionsware vorbeigebracht hat. Die Menschen, die in Plattenläden arbeiten, sollten freundlich und zugewandt sein; sie haben im Zweifelsfall nicht mehr den gigantischen Wissensvorsprung gegenüber ihren Kundinnen und Kunden, was gerade der neue heiße Scheiß ist. Eine gewisse Strenge und Ernsthaftigkeit finde ich aber auch angebracht. Wenn jemand nur in den Laden kommt, weil er oder sie eigentlich einen Latte Macchiato trinken will und beim Rausgehen dann eine x-beliebige Reissue Platte mitnimmt, passt mir das auch nicht so recht. Also: weniger Boutique, mehr Trödel! Am tollsten finde ich es, wenn im Laden Gruppengespräche zwischen Kund*innen und Betreibenden entstehen können.