Andreas Kohl

 

Anfang der 1990er Jahre begann Andreas mit der Buchung von Underground-Shows und der Veröffentlichung von Musik-Fanzines, wie z.B. dem Persona Non Grata Magazin. Er arbeitete als Musikjournalist für das VISIONS Magazin und als PR-Manager bei EFA Distribution, bevor er 1999 sein eigenes Label Exile On Mainstream und 2003 die Agentur Southern Records Germany gründete. Von 2013 bis 2022 arbeitete er als Senior Manager in den Bereichen Vertrieb, Kundenservice und Qualitätssicherung beim Presswerk Optimal Media. Seit 2022 ist Andreas als Consultant und European Operations Manager für die Herstellungs- und Designagentur Key Production tätig. Die in Großbritannien ansässige Firma arbeitet mit einer Vielzahl von Presswerken zusammen und zu Andreas Aufgaben gehören Kundenservice, Prozessmanagement und Qualitätssicherung. Darüber hinaus ist Andreas der Direktor der jährlich stattfindenden Konferenz Making Vinyl. Abgesehen von diesen Jobs betreibt er immer noch das Label Exile On Mainstream Records. Außerdem schreibt er als freiberuflicher Journalist für das MINT Magazin. In seiner Freizeit steigt er gern auf Berge oder fährt sie auf Ski hinab.

Interview

  • Wo würdest du einen Plattenladen eröffnen?

    Ich lebe auf dem Land und habe seit Jahren diesen beknackten Traum, eine Tankstelle mit Plattenladen, Café und einer Bühne aufzumachen – weil das genau die Sachen sind, die hier fehlen. Und in diesem Zuge würde ich gern die in Deutschland unterrepräsentierte Kultur der Matinee-Shows etablieren. Das heißt: durchreisende Bands spielen eine Mittagsshow. Im Eintritt inklusive ist ein Brunch-Büffet in einem Plattenladen, der auch gleichzeitig eine Tankstelle ist, und, um das Verrückte komplett zu machen, auch eine Bushaltestelle. Natürlich bin ich, wenn ich aus diesem Traum aufwache, Realist genug, um zu verstehen, dass das nicht funktionieren wird. Und so verteile ich eben weiter Platten an meine Nachbarn 😊

  • Hast du eine Message für die Plattenhändler*innen?

    Seid nett zu euren Kunden! Die Geschichten von Plattenhändlern, die eine elitäre Attitüde an den Tag legen, ist Legion. In der Praxis habe ich es allerdings immer genau andersrum erlebt. Deshalb wäre meine Message: seid so wie die Händler*innen in den Läden, in die ich gehe. HA. Im Ernst, macht euren Laden zu einer Begegnungsstätte, macht deutlich, dass ihr Zeit habt, dass ihr Musik liebt und dass ihr voller Leidenschaft seid. Ein Tisch in der Ecke, eine Dose mit Keksen darauf. Zwei, drei Plattenspieler in der Ecke zum vorhören. Der einfache Satz, wenn junge, unerfahrene Kund*innen den Laden betreten: “Hi, willst du ein Wasser?” und eine kurze Führung durch den Laden, die Erklärung wie alles sortiert ist und dann den Kund*innen Zeit geben, sich zurechtzufinden – das reicht schon. Leute, die so empfangen werden, kommen immer wieder.

  • Warum sollten Platten in einem Plattenladen gekauft werden?

    Neben der üblichen Laudatio auf das persönliche Kauferlebnis, das Unterstützen lokaler Strukturen und der persönlichen Verbindung, gibt es das handfeste Argument der Nachhaltigkeit und Risikominimierung: Der individuelle Transport einer Platte sorgt für den größten Teil des ökologischen Fußabdrucks. Hinzu kommt das Risiko, dass Platten im individuellen Transport durch die Einwirkung von starken, plötzlichen Schwankungen in Temperatur und Luftfeuchtigkeit tatsächlich Schaden nehmen können. Das alles lässt sich durch den Kauf im Plattenladen reduzieren. Und dann ist da noch das wohl schlagkräftigste Argument, das man heute nicht oft genug wiederholen kann: Geh mal vor die Tür!

  • Der beste Tipp, den du von Plattenhändler*in erhalten hast?

    Das dürfte wohl Anfang der 90er Jahre der Trick mit der Öffnung der Einschweißfolie gewesen sein, bei dem man die Platte auf der offenen Sleeve-Seite schnell über eine Jeanshose reibt. Damit bleibt die Cello intakt und so ziemlich alle meine Platten haben sie deshalb noch drauf.

  • Was ist der größte Schatz in deiner Plattensammlung?

    Durch meinen Job habe ich eine Anzahl von Testpressungen, die nicht freigegeben wurden und bei denen im Nachhinein das Mastering oder Tracklisting noch einmal geändert wurde. Das sind also Platten, die so nie erschienen sind. Und da sind einige dabei, die mir besser gefallen als die späteren, veröffentlichten Versionen. Welche das sind, verrate ich aber nicht.

  • Wenn du nur noch eine Platte hören dürftest, welche wäre es und warum?

    Zen Guerrilla – „Positronic Raygun“. Weil das einfach die beste Platte ist, die je veröffentlicht wurde, von der besten Band, die ich je live gesehen habe.

  • Wie hörst du am liebsten Platten, hast du bestimmte Rituale beim Auflegen?

    Ob man das glaubt oder nicht: ich höre tatsächlich fast ausschließlich Vinyl. Hin und wieder mal eine CD, aber sonst nichts. Ich habe keinen Spotify-Account oder sonst einen Streaming-Dienst. Downloads konsumiere ich nur für meinen Job. Im Auto oder unterwegs höre ich Podcasts oder Hörbücher. Musik bleibt dem Plattenspieler und der Schallplatte vorbehalten. Wenn ich morgens gegen 8 Uhr ins Büro gehe, geht der Plattenspieler an und wenn ich, meist spät abends das Büro verlasse, geht er aus. Der läuft tatsächlich non stop 10-12 Stunden durch. Auch wenn ich Platten neben der Arbeit höre, habe ich dennoch eine sehr konzentrierte Verbindung zu ihnen und das mag ich an Platten: sie erfordern Konzentration und sorgen dafür, dass man Musik so hört, wie sie gedacht ist: man muss in einen Raum gehen, wo die Anlage steht, man muss die Platte bewusst auflegen, starten, Anhören. Das ist der erste Schritt zur Wertschätzung dessen, was die Künstler*innen da geschaffen haben. Es ist die Basis für den Respekt vor Musik und Kultur im Allgemeinen.

  • (Wie) sortierst du deine Platten?

    Weitgehend alphabetisch. Es gibt ein paar Fächer, die besonderen Labels vorenthalten sind, die ich möglichst komplett habe: Constellation, Neurot, Touch And Go, Dischord, Warp, Crypt und noch einige mehr. Dann gibt es ein Fach mit Jazz-Klassikern, vorwiegend des Labels Prestige. Und dann hat es noch zwei Fächer mit den Platten, die ich zum Auflegen verwende. Naja, und dann stehen da noch zig Platten auf dem Boden in Kartons, die „musste mal einsortieren“-Sektion. Und die wird immer größer, ha.